Dienstag, 17. Dezember 2013

Lösungsorientierte Beratung im schulischen Kontext


Welcher Unterschied besteht, ob ein Beratungslehrer oder ein Schulpsychologe ein lösungsorientiertes Gespräch führt? Die Stellung im schulischen Gefüge und das Eingebundensein in den schulischen Alltag bilden die Hauptunterschiede. Das heisst, der Schulpsychologie ist „Gast“ der Schule und darum nur zeitweise präsent, dafür kennt er verschiedene Schulsysteme. Der Beratungslehrer ist Bestandteil der Schule, ständig präsent und kennt das Schulsystem seiner eigenen Schule sehr genau (vgl. Berkling 2010, S. 36). Die Schwierigkeit des Beratungslehrers besteht darin, dass er oftmals mehrere Rollen gleichzeitig einnehmen muss, die nicht immer miteinander kompatibel sind. Es ist problematisch, weil er gleichzeitig benotet und berät.
Häufig kommen Eltern in die Schule und hätten gerne die Meinung von einem Experten über den Leistungsstand oder das Arbeit-/Sozialverhalten ihres Kindes. Hier steckt der lösungsorientierte Berater in einer Zwickmühle, denn die Verwendung von Expertenwissen wird ihm in diesem Ansatz verboten. Dieses Dilemma kann folgendermassen gelöst werden: Entweder kann eine Beratung durchgeführt werden, welche nicht auf dem lösungsorientierten Prinzip aufbaut, sondern rein informativ ist. Oder es kann auf die Klientenfrage nicht umgehend eingegangen werden. Bei diesem Vorgehen wird die Frage an den Klienten zurückgegeben. Das heisst, der Berater stellt so viele Fragen oder paraphrasiert das Gesagte des Klienten, bis dieser selbst auf die Lösung stösst. Der Berater bietet ausschliesslich Unterstützung, er leitet den Klienten so, dass dieser selber Verbesserungsvorschläge entwerfen kann, welche zum gewünschten Zustand führen können. Durch diesen Ablauf kann problemlos ein Lehrer das Beratungsgespräch führen, denn ein Rollenkonflikt scheint hier eher unwahrscheinlich zu sein (vgl. Berkling 2010, S. 37-41).

Wie können Lehrpersonen beraten werden? Schaarschmidt (2005) zeigt in seiner Potsdamer Lehrerstudie auf, dass es kaum einen anderen Beruf gibt, welcher vergleichbar kritische Beanspruchungsverhältnisse aufweist, wie der Lehrerberuf. Er nennt dabei die drei belastendsten Faktoren Schülerverhalten, die Klassengrössen und die hohen Stundzahlen. Somit stellen die Lehrer die grösste Gruppe der um Beratung nachsuchenden Personen dar. Wenn der Berater einen Kollegen des Lehrers ist, hat dieser oft mühe, sein Problem offen darzulegen. Es ist ihm peinlich. Das stellt kein Hindernis für eine problemorientierte Beratung dar, denn sie kann auch stattfinden, ohne dass der Berater weiss, was genau das Problem darstellt (vgl. Berkling 2010, S. 42-45).

Wie können Eltern beraten werden? Eltern werden oft für ein Gespräch eingeladen, weil die Lehrperson sich über ihr Kind oder über das elterliche Handeln (bzw. Nichthandeln) beschweren will. Eltern hören solche Anklagen jedoch nicht gerne, denn sie haben den Wunsch, dass über ihr Kind nur Gutes gesprochen wird, so dass sie stolz auf sie sein können. Darum sollen unerwünschte oder schlechte Nachrichten an die Eltern nur in einem ausgewogenen Verhältnis zu positiven Rückmeldungen weitergegeben werden. Zudem ist es oftmals nicht hilfreich, wenn Anschuldigungen im Gespräch vorkommen, weil sich die Eltern in ihrer Funktion als Erziehungsperson angegriffen fühlen. Viel besser ist es, eine gemeinsame Lösung zu finden. Beispielsweise kann diskutiert werden, wie das Kind unterstützt werden kann, dass es seine Hausaufgaben erledigt. Diese Unterstützung erfolgt von Seite der Eltern, wie von Seite der Schule.
Oftmals wird angenommen, dass Eltern aus niedrigeren Bildungsniveaus mit den Fragetechniken des lösungsorientierten Modells nicht zurechtkommen. Dies ist ein Irrtum (vgl. Berkling 2010, S. 46-48).

Wie können Schülerinnen und Schüler beraten werden? Kinder drücken sich häufig auf eine sehr kreative Art und Weise aus, beispielsweise in Bewegungsabläufen, Fantasiegeschichten oder mit Blicken. Dabei sind die Fähigkeit des Zuhörens und eine besondere Beobachtungsgabe von Nöten.
Viele Kinder und Jugendliche sträuben sich gegen eine Beratung und zeigen darum eine demonstrative Langeweile. Dieses Verhalten darf der Berater nicht auf sich persönlich beziehen und sich schon gar nicht daran hindern lassen, mit dem Gespräch fortzufahren. Je aktiver er ist, desto schneller kann er die Kooperation des Kindes gewinnen und ihn dazu ermutigen, über sich zu sprechen. Lobende Äusserungen sind dabei sehr hilfreich, da sie das Vertrauen aufbauen. Wichtig ist dabei, dass das Lob authentisch wirkt.
Ein wirkungsvolles Vorgehen bei Lernenden ist, sie darum zu bitten aus der Sicht einer anderen Person zu erzählen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit eine konstruktive Antwort zu erhalten (vgl. Berkling 2010, S. 48-50).

Problematisch bei einer Beratung ist oftmals, dass die Beteiligten unfreiwillig dort sind, ob das nun Kinder, Jugendliche, Eltern oder Lehrpersonen sind. Dass eine Beratung stattfinden muss, wird ein Verhalten bemängelt oder dem Klient ein Problem zugeschrieben. Dies ruft Ablehnung hervor, da niemand gerne negative Aussagen über sich hört. Wenn ein Klient sich wirklich nicht ändern will und in seinem Verhalten keine Probleme sieht, sollte die Beratung beendet werden. Einen Versuch ist es jedoch immer wert, denn viele Klienten, die unfreiwillig in einer Beratung sind, beginnen in kürzester Zeit zu kooperieren und sind motiviert, etwas zu ändern. So verlassen sie oft sehr schnell den Status der Unfreiwilligkeit (vgl. Berkling 2010, S. 50-52).

Mir leuchten die geschilderten Vorgehen von der lösungsorientierten Beratung nach Berkling (2010) ein. Besonders spannend finde ich das fragenentwickelnde Gespräch. Ich hatte in meinem Bachelor in der Erziehungswissenschaft zwei Blockkurse über Erziehungsberatung. Dort mussten wir selber untereinander solche Beratungsgespräche führen. Zuerst dachte ich mir, dass wir durch diese Technik zu keinem Ziel kommen würden. Nach und nach entdeckte ich jedoch die starke Wirkung dieses Vorgehens. Als Berater ist es zu Beginn komisch, fast ausschliesslich Fragen zu stellen oder zu paraphrasieren. Denn normalerweise läuft ein Gespräch nicht auf diese Art und Weise ab. Man fühlt sich fast ein bisschen aufdringlich durch das stetige Fragen und gleichzeitig passiv, da kein Expertenwissen in die Beratung einfliesst. Als ich jedoch die Rolle des Klienten einnahm, erkannte ich, wie angenehm ein solches Gespräch wirkt. Man fühlt sich ernstgenommen und nicht unter Druck gesetzt. Denn keine Vorwürfe oder für sich selber unpassende Verbesserungsvorschläge werden ausgesprochen seitens des Beraters. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen